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Der Schmetterling ~ Nr.116 Sonntag, 10. Mai 2026 0151-5737-5277 ~ www.lfl-siegen.de |
Es ist erstanden aus der Eigenheit
Mein Selbst und findet sich
Als Weltenoffenbarung
In Zeit- und Raumeskräften;
Die Welt, sie zeigt mir überall
Als göttlich Urbild
Des eignen Abbilds Wahrheit.
Da wären wir auf jeden Fall dabei (wenn unsere besondere Schule schon stehen würde): beim Wanderjahr von Menschlich Wirtschaften eG in Kooperation mit der Freien Bildungsstiftung, einem Orientierungsjahr für junge Menschen, die mehr als ein Zahnrädchen im Getriebe sein wollen. Also: wir würden uns als Praxisort anbieten, denn sicherlich wären auch wir ein gemeinschaftlich getragener Zukunftsort, wie es im Flyer heißt, wo die jungen Leute probieren können, „welcher Aufgabe Du in Zukunft Dein Leben widmen möchtest“. Gern denken wir zurück an die vielen jungen Leute, die frische Farbe an unsere frühere Schule gebracht haben.
Schön, dass es diese Initiative gibt, die nicht die Hände in den Schoß legt und auf neue … staatliche Dienste wartet, sondern mit überzeugendem Konzept aussichtsreiche freie Möglichkeiten auf die Beine stellt. Am Sonntag, 17. Mai 2026 um 19:00 Uhr ist nun ein weiteres Online-Treffen für interessierte Wanderlinge, für das im September 2026 beginnende neue Wanderjahr. Auch wer Praxisort oder Gastfamilie werden will, kann sich dort orientieren.
Ach, wäre man nochmal so jung …! Aber egal: Steiners Spruch, der den Flyer ziert, beflügelt in jedem Alter und auch in miesen Zeiten:
Suche im Innern das Lichtvolle
und du findest die Welt;
Suche im Äußern das Sinnvolle
und du findest dich selbst.
… bei den Mittwochs-Märschen im weißen Kittel, „Richtung Berlin“ in mehreren großen Städten: als Demo gegen die Kahlschläge in der Gesundheitspolitik, die sich auch gegen die anthroposophische Medizin richten.
1.Auflage 2026
281 Seiten
ISBN 978-3-906482-14-9
45,00 €
Wie angekündigt, möchte ich das Buch denen, der sich tiefer mit Rudolf Steiner beschäftigen wollen, empfehlen.
„Von jeher“ ~ der Titel gibt eine winzige Äußerung Steiners wieder, die aber das Anliegen des Buches umreißt: die Einheitlichkeit des Lebensganges und Lebenswerkes Steiners herauszuarbeiten. Die verschiedenen Phasen von Steiners Leben ~ man kann offensichtlich eine philosophisch-freigeistige von der anthroposophischen Phase unterscheiden, man kann bei näherem Hinschauen noch eine Goethe-Phase voranstellen und vor der anthroposophischen noch eine theosophische abgrenzen ~ sind ja schwer erklärungsbedürftig. Bei Wolfgang Müllers „Rätsel“-Buch begegnete uns diese Problematik schon, bis zur Vermutung, der gespaltene Steiner des Covers symbolisiere diese Situation. Müller umgeht die Problematik eher souverän lesend, er nimmt in der unbefangenen Begegnung mit Steiner diesen als „Weltdurchleuchter“ wahr, um den sich dringend zu kümmern wäre, so „rätselhaft“ er auch sei.
Irene Diet beschäftigt sich schon Jahrzehnte länger mit Steiner ~ und mit der „Sekundärliteratur“, die sie mit beeindruckendem Fleiß studiert und ausgewertet hat, nicht nur die „anthroposophisch“ betitelte, sondern auch die „kritische“ der letzten ca. 25 Jahre. Dreiviertel tausend Fußnoten geben dem Leser Chancen ohne Ende, oder das Gefühl, nunmehr den Überblick zu haben, oder auch: vielleicht gar nicht so viel verpasst zu haben …
Und Irene Diet weicht eben nicht aus. Auf der oben vom Cover verlinkten Website ihres Eigenverlages ist das ausführliche Inhaltsverzeichnis sichtbar, das die von ihr behandelten Fragen anzeigt: zum Beispiel, warum denn „Mein Lebensgang“ (Steiners Autobiographie, die jedoch nur bis zum Jahr 1907 geht; Diet hat sie neu herausgegeben) so unverschämt trocken und spröde ist und keinerlei Auskunft gibt auf unsere ~ nun ja, zugegeben voyeuristischen Fragen nach seinem Aufwachsen, seiner Kindheit, seiner Persönlichkeit? Wo diese Marktlücke mittlerweile gefüllt ist, auch darüber kann man sich bei Diet informieren ~ doch helfen bei der Rätselfrage tut das offenbar nicht.

Oder: Diet demontiert skurrile szenen-interne Erzählungen von „Meistern“, die, wohl auf übersinnlicher Ebene, Steiner durch sein gesamtes Leben „geführt“ hätten, eben auch durch seine „freigeistige“ Phase. Das fußt wohl eher auf jahrzehntelang unterhinterfragter Flüsterpost. Oder die populär gewordene kurze Erzählung von der „toten Tante“, die beweisen soll, dass Steiner schon als Kind „hellsichtig“ gewesen ist: sie entstammt Steiners einzigem autobiographischen Vortrag (am 4. Februar 1913), und diesen hielt Steiner (herkömmlich psychologisch ausgedrückt:) nur widerwillig; in seinen eigenen Worten: er sei eine Zumutung an die Hörer, notwendig aber, um aufgetretene Falschaussagen zu korrigieren. Wer zur Kenntnis nimmt, wie (und eben nur dies einzige Mal) die Begegnung mit der verstorbenen unbekannten Tante erzählt wird, wer dazu bedenkt, als wie normal Steiner eigentlich „hellseherische“ Erlebnisse bezeichnet (die Menschen würden nur nicht darauf aufmerksam), kann der Episode schwerlich großes Gewicht für ~ unsere Erkenntnis Rudolf Steiners zuweisen.
Stattdessen entpuppen sich solche Erzählungen, deren Abschreibeketten Irene Diet herausarbeitet, als Hilfsmittel, das Phänomen Rudolf Steiner von außen her in bereits vorhandene Denkschemata einzusortieren ~ wahlweise für die Gläubigen in die Kategorie „Hellseher“ oder für die Kritiker in „Scharlatan“. Gewonnen ist damit aber für den ernsthaft an Steiner Interessierten noch nichts auf dem notwendigen Weg, die skizzierten Lebensphasen, und zwar anhand von Steiners eigener Produktion, zusammenzudenken, also den „Gegenstand“ aus sich selbst heraus zu verstehen, was ja eigentlich die natürliche gesunde Form von Verstehen ist.
Unmissverständlich arbeitet Irene Diet heraus, woran bis heute Anthroposophen wie auch Kritiker auf je eigene Weise willentlich vorbeischauen: „Nicht lange, nachdem Rudolf Steiner seine theosophisch-anthroposophische Arbeit aufgegriffen hatte, begannen bestimmte Beobachter bzw. Kritiker, von Wandlungen oder gar ‘Brüchen’ seiner Geistesart zu sprechen. Doch anstatt dass Rudolf Steiner dieses in den Augen seiner Kritiker Offensichtliche, an dem ja im Grunde gar nichts Schlimmes zu finden wäre (im Sinne von ‘jeder Mensch entwickelt sich’), ‘zugab’, wiederholte er bis zum Ende seines Lebens immer wieder dasselbe: Nein, es habe keine Brüche in seinem Lebensgang und in seiner Anschauungsart gegeben. Nein, er habe sich nicht gewandelt.“ (S.73)
Das Schlimme daran? Für die Kritiker: dann hat Steiner eben Blödsinn geredet. Das ist hinnehmbar. Für die Halbkritiker: Dann hat Steiner eben teilweise Blödsinn geredet. Daraus entsteht in der Praxis die Kategorie „grober Unfug“, wie wir es für die Pädagogik herausgearbeitet haben und in der Praxis erlebt haben. Und für die an Steiner Interessierten: dann müsste man sich auf die Suche machen nach dem Durchgängigen, nach dem „Geheimnis der Individualität Rudolf Steiners“, wie es im Untertitel heißt. Das aber ist anstrengend, denn dann ist man eingeladen, zu begreifen oder nachzuspüren, wie Steiner in den verschiedenen Kontexten hochkompetent Verantwortung übernahm, z.B. für die seinerzeitigen Endresultate der abendländischen Philosophie wie auch für die zugänglich gewordenen orientalischen Geistesschätze: nämlich um daraus, über die Zwischenstation der Aneignung der theosophischen Bewegung, eine spezifisch „westliche“ (S.232ff) Spiritualität zu formen, die „allen Menschen“, nicht nur wissenschaftlich gebildeten, etwas gibt. Das alles ist ja nachzulesen, ganz normal-öffentlich ohne „Geheimnis“. Wenn Irene Diet beklagt „Der heutige Mensch hat das Geheimnis des Mysteriums verloren.“ (Vorwort, S.15), dann sind eben gerade nicht die theosophischen „Räubergeschichten“ (ein Ausdruck Karl Ballmers) gemeint, die man sich so erzählt, sondern eher das „offenbare Geheimnis“ im Sinne Goethes, die aktuale Sinnvertiefung aus besonderer Kraft.1
Das Buch macht da nur einen hindeutenden Anfang, es ist eher eine große Aufräumarbeit, passend leicht verspätet zum 100. Todestag. Irene Diet verspricht, sich in weiteren Publikationen zu äußern, z.B. eben über die besagte Autobiografie. Denn wir befinden uns eher am Anfang einer Reise, einer persönlichen Reise. Diet auf S.104:
Eine höchst ungewöhnliche, verrückte Formulierung: „der unsere Wesenheit einschließt“. Dennoch gilt es, die Rationalität, die „Westlichkeit“ dieses Ansatzes zu entdecken. Immerhin erinnert es an Pädagogik: wir wachsen, mit Hilfe, in etwas hinein, was wir selbst sind. Niemand hat gesagt, dass diese Entwicklung, dass also Pädagogik und westliche Rationalität an ihr Endziel gelangt sind, wenn einer erwachsen geworden und als aufgeklärter „liberaler Tropf“, wie Karl Ballmer es nennt, auf eigenen Beinen zu stehen meint. Die Welt ist Ich ~ sagt man in der Waldorfpädagogik so leichthin-idealistisch. Wenn man das konkreter fassen will, muss sich wohl jemand „bequemen“, mehr als ein „liberaler Tropf“ zu sein. Ballmer:
1 Als Motto nimmt Diet aus Steiners Vortrag vom 28. Dezember 1923: „Dieser Geist der Zeit verträgt nicht das äußere Geheimnis, während er ganz gut verträgt das innere Geheimnis. Denn die eigentlich esoterischen anthroposophischen Schriften werden ja noch lange sehr, sehr großes Geheimnis sein für die Menschen.“ ⇑
2 In: Letzte Geheimnisse, Siegen / Sancey le Grand 2022, S.174. ⇑
Martin Cuno