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Der Schmetterling ~ Nr.118 Sonntag, 24. Mai 2026 0151-5737-5277 ~ www.lfl-siegen.de |
Es wächst der Sinne Macht
Im Bunde mit der Götter Schaffen,
Sie drückt des Denkens Kraft
Zur Traumes Dumpfheit mir herab.
Wenn göttlich Wesen
Sich meiner Seele einen will,
Muss menschlich Denken
Im Traumessein sich still bescheiden.
Zirkus Zippel Zappel
Das Fest der Farben
Sonntag 28. Juni 2026, 15 Uhr
Freie Waldorfschule Oberberg
Kirchhellstr. 32
51645 Gummersbach
Freier Eintritt ~ um eine Spende wird gebeten!
… gibt es leider nichts Neues. Nach dem „Tag der Begegnung“ in Siegen wurde gefragt, an dem wir sonst um diese Jahreszeit teilgenommen haben. Aber er findet in diesem Jahr gar nicht statt, wegen eines Personalwechsels bei der Stadt. Im nächsten Jahr werden wir sehen, ob wir noch dabei sein werden, bei unserer Umorientierung ins Oberbergische …
Ist es traurig, wenn nichts los ist? Iwo! Musik besteht aus Tönen und ganz viel Pausen, lauteren und leiseren Passagen. Vor gut drei Jahren mussten wir wilde chaotische Paukenschläge erdulden ~ will man „verstehen“, wofür die „gut gewesen“ sein sollen, muss man seine Musikauffassung aktivieren, denn die erstreckt sich über längere Zeitabschnitte. Das ist nicht einfach ein bildhafter Vergleich, sondern ein ernsthafter Hinweis Rudolf Steiners, und zwar in einem ausdrücklichen Pfingst-Vortrag, am 21. Mai 1918 1. Wir ergreifen die Gelegenheit, auf diesen Vortrag hinzuweisen und ein paar Passagen zu zitieren ~ mehr schlecht als recht, denn der Vortrag ist vielschichtig und andeutungsreich, gibt aber Gelegenheit, pfingstliche Gedanken zu versuchen. Die Zitate bringen wir hier unabhängig von ihrer Reihenfolge im Text. Zunächst also zum musikalischen Verständnis:
Wenn heute der Mensch etwas in der Welt verstehen will, hat er eigentlich immer das Gefühl: Die Mittel zu diesem Verständnis müssen irgendwie in dem Gegenwärtigen gesucht werden. Aber das Geistige kann nicht allein in dem Gegenwärtigen gesucht werden. […] Das Vergangene wirkt. Es ist nicht wahr, dass alles in der Gegenwart sich erschöpft, was wirkt; sondern das Vergangene wirkt nach. Die geistige Welt muss aufgefasst werden wie eine Musik, aber noch wie eine reale Musik. Sie könnten unmöglich eine Melodie auffassen, wenn Sie beim dritten Tone den ersten verloren hätten; im dritten Ton wirkt der erste weiter fort, er wirkt darinnen. Im geistigen Wirken ist es so, dass etwas nicht nur nachwirkt durch das Behalten im Gedächtnis, sondern dass es in der Realität nachwirkt.
Steiner bezieht dies unter anderem auf den menschlichen Lebenslauf. Wir müssten lernen, „an die geistige Herkunft unseres ganzen Lebens“ zu glauben (also: gespannt zu sein auf die komplette Melodie), nicht nur eines Stückes unseres Lebens. Der Irrglaube, man sei in seinen zwanziger Lebensjahren bereits im großen und ganzen fertig, als mündiger Erwachsener und Mensch, würde sich sonst bewahrheiten. Wie in anderen Vorträgen gibt Steiner das 27. Lebensjahr an: bis dahin würde eine natürliche Entwicklung dafür sorgen, dass der Mensch sich entwickelt. Ab diesem Alter (das gilt jedenfalls für das aktuelle Weltzeitalter) müsse der Mensch die Entwicklung in die eigene Hand nehmen.
Wer glaubt denn an die Produktivität, an die Fruchtbarkeit des Alters? Und weil man daran nicht glaubt, deshalb ist sie auch nicht da; denn man ist nicht darauf aufmerksam, wie jedes neue Jahr auch neue Offenbarungen bringt. Aber bedenken Sie, wieviel sich im Menschenleben dadurch ändern würde, wenn dieser Glaube wirklich allgemein würde, wenn alle Menschen glauben würden: Ich muss warten auf das Älterwerden, dann werde ich durch mich selbst Dinge erfahren, die ich früher nicht habe erfahren können. Erwartungsvolles Leben, hoffnungsvolles Leben ~ wo ist es denn heute? Aber solch ein Gedanke, solch eine Empfindung, übergegangen gedacht in das menschliche Gemeinschaftsleben: Denken Sie einmal, was für eine ungeheure Bedeutung dieses hätte! Welche ungeheure Bedeutung es hätte, wenn zu all den verschiedenen «Gleichheitsdemolierungen» ~ möchte ich es nennen ~, die in der heutigen Zeit spielen, im Zusammenleben der Menschen das Bewusstsein hinzukäme: Einfach dadurch, dass man vierzig Jahre alt geworden ist, kann man etwas erfahren haben, was man mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht erfahren kann. […] Lernen müssen wir, ein erwartungsvolles Leben führen zu können. Denken Sie sich, wenn man darauf neugierig wäre: Was wird mit mir sein, wenn ich nun einmal fünfzig Jahre alt sein werde? Wie viele Menschen hegen heute solche Gedanken? Wie viele führen ein Leben, dass sie daran glauben, dass immer neuer Inhalt in die Menschenseele hineinströmt? Welche Veränderungen würden auch im sozialen Leben der Menschheit vor sich gehen, wenn dieser Glaube an das ganze Leben die Menschen ergriffe!
Steiners Hoheslied des „erwartungsvollen Lebens“ kann natürlich nicht vergessen machen, dass das Leben kein fröhlicher Spaziergang ist. Die wertvollsten Lernerfahrungen sind schmerzliche. Ein gutes Jahr später, bei der Begründung der ersten Waldorfschule, drückt Steiner dies, in einem andern, hier nicht zu referierenden Kontext so aus: Das Geistige, unser Leben, sei wie ein unsichtbarer offener Mund, in den wir ständig hineinschlüpfen, der uns ständig weiter aufzehrt, aufisst. „Und im Tode, wenn der Mensch stirbt, hat er ihn ganz aufgezehrt. (…) Wir schlüpfen fortwährend mit unserem Organismus in den aufgesperrten Mund unserer Geistigkeit hinein. Das Geistige verlangt von uns fortwährend das Opfer unserer Hingabe.“
Ein drastisches Bild, aber so, könnte man wohl sagen, läuft nach anthroposophischer Vorstellung die Begegnung des Menschen mit „dem Geist“ ab. Wir verbrauchen uns in der lernenden Hingabe. Entscheidend ist dabei übrigens laut Lehrerkurs nicht der Kopf (mit dem der Bürgerliche die „Bildung“ aufnimmt), sondern die Gliedmaßen!
Was „der Geist“ ist, können wir hier unmöglich herleiten. Aber Steiner nimmt ~ jetzt wieder im Pfingstvortrag ~ Gutenberg und Luther als Beispiel dafür, dass „fortwährend geistiges Leben in die Menschheit einströmt“. Gutenberg und Luther wären zu andern Zeiten Persönlichkeiten geworden, von denen niemand spricht; die Buchdruckerkunst und die Reformation jedoch lagen in der Luft.
Daraus aber ersehen Sie, dass die Hauptsache das ist, dass wir auf das hinblicken, was aus der geistigen Welt heraus der Menschheit sich mitteilt, und dass wir lernen, in einem viel größeren Maße noch als es die Gegenwart überhaupt vermag, den Menschen als ein Instrument anzusehen, durch welches das Geistige aus der geistigen Welt in das Erdenleben hereintritt.2
Der Mensch ein Instrument! Ungewöhnliche Töne des Verfassers der „Philosophie der Freiheit“, die ein Vierteljahrhundert vorher erschienen war. Und hören wir, wie Steiner dies „der Mensch nur ein Instrument“ allen Ernstes als „Sinn des Pfingstereignisses“ herausliest:
Sie sehen, worauf es ankommt: den Weg wieder zurückzufinden zu dem Sinn des Pfingstereignisses. Gewiss, bei den einzelnen Jüngern, auf deren Kopfe sich die Flammen gesenkt hatten, sollte individuelles geistiges Leben erleuchtend auferstehen. Aber es sollte geistiges Leben sein, durch das sich verteilt auf die einzelnen Glieder das größt denkbare Maß des Sachlichen, für das der Mensch nur ein Instrument ist.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Steiner schließt sofort an:
Der Sinn dieser Pfingstverkündigung ist aber zugleich noch etwas anderes, und das ist das Wichtigste: die Bekräftigung dessen, dass der Mensch seinen Wert dadurch nicht verliert, dass er für den fortwährend in die Menschheit hineinfließenden Geist ein Instrument bildet. Dann behält also der Mensch trotzdem seinen persönlichen Wert. Das ist etwas, was man heute nicht nur theoretisch einsehen kann, sondern demgegenüber es notwendig ist, die Lebenskonsequenzen zu ziehen und es überzuführen in die Art, wie man denkt über Staatenbildung, über Moral und gesellschaftliches Leben. Darauf kommt es an, dass ein Gedanke weckend ist, und ein Aufwecken war es ja, als sich die Flammen auf das Haupt eines jeden einzelnen der Jünger heruntersenkten.
Und Steiner stellt klar: das sich-Wecken-Lassen heute kann kein privat-religiöses sein, sonder ein „Aufwachen gegenüber den Zeitereignissen“. Ein Bestandteil: Man müsse sich mit einer „gewissen inneren Beweglichkeit des Seelenlebens“ die Fähigkeit aneignen, innerhalb der öffentlichen Informationsflut „Wesentliches, Richtiges zu unterscheiden von Unwesentlichem und Unrichtigem“. Steiner sprach von „zwei Zeilen“, die man aus „tausend Buch- oder Zeitungsspalten“ herausfiltern können müsse ~ man kann es leicht auf Internet-Verhältnisse transformieren.
Und zugleich haben wir hier ein deutliches Beispiel für das, was Irene Diet herausgearbeitet hat: Steiners „Nein, ich habe mich nicht geändert.“ Denn worum geht es? Um die Vereinbarkeit von höchst individueller Einzigkeit mit dem „größt denkbaren Maß an Sachlichkeit“. Was unserm Kopf als unmögliche Quadratur des Kreises erscheinen mag, ist in der Geisteskunst Rudolf Steiners Wirklichkeit geworden?: Objektive, fruchtbare Wahrheit kann am besten aus der individuellsten, selbstbestimmtesten Geistesarbeit entstehen ~ so kann man 1894 die Ausführungen des 9. Kapitels der Philosophie der Freiheit über die „Einheit der Ideenwelt“ lesen, die wir mit unseren Mitmenschen teilen. 25 Jahre später teilt sich diese Ideenwelt als „in die Menschheit hineinfließender Geist“ mit und weckt andere Menschen zu einem höheren Grad an Individualität. Ist es derselbe Vorgang, von zwei Seiten?
Steiners Pfingstbetrachtung 1918 gibt sich weniger schöngeistig als fast schon „politisch“ ~ kein Wunder im noch wütenden 1. Weltkrieg, und Steiner stellt gleich eingangs klar, dass seine Ausführungen nicht dazu dienen sollen, „dasjenige zu vergessen, was an so Katastrophalem für die Menschheit sich jetzt um uns herum ereignet“. Zugleich übergreift auch dieses „Jetzt“ eine weitere Zeitspanne bis in unsere Tage. Zu dem Vielen und Erstaunlichen, was Steiner in seinen Vorträgen auf unsere Zeit bezogen vorausgesehen hat, gehört die zunehmende mentale Leitplanken-Sucht („gelenkte Demokratie“, „kognitive Kriegsführung“, etc. etc.). Pfingsten ist ein guter Zeitpunkt, sich das entsprechende positive Bild zu Herzen zu nehmen, wie es in Steiners Verständnis des „Pfingst-Wunders“ gegeben ist. Denn dies beinhaltet,
dass eine jede Menschenseele in sich selbst den Geisteskern ihres Wesens finde, der sie erleuchten kann über die anzustrebenden Weltenziele. Dadurch soll sich das Zukunftsleben der Menschheit entwickeln, dass die Menschen weniger darauf angewiesen sind, immer auf das hinzusehen, was ihnen an gemeinschaftlicher Struktur, an sozialer Struktur gegeben ist, sondern darauf wollen wir hoffen, dass die Menschen reif und fähig werden, jeder aus sich heraus ein solches Leben zu führen, dass der andere neben ihm ein gleiches Leben führen könne. Dann wird eine innere Toleranz die Seelen ergreifen, und in der sozialen Struktur wird die Freiheit verwirklicht werden können. Auf keine andere Weise ist die Freiheit in der Welt zu verwirklichen, als auf diese, das heißt auf keine andere, als indem die Pfingstbotschaft übergeht in die einzelnen Menschenseelen.
Und am Schluss des Vortrags:
Das ist es, was uns immer wieder aus den unmittelbaren Zeitverhältnissen entgegentönt: Erneuerung unserer Vorstellungswelt, Erneuerung unserer Empfindungswelt, Erneuerung unserer Gedanken, die sich in starker Weise der Gegenwart entgegenstellen. Davon hängt es ab, dass sich am einzelnen das Pfingstwunder erfüllt in der Seele, und dass sich dieses Pfingstwunder an der ganzen Menschheit, in unserer katastrophalen Gegenwart, als Lebenserneuerung erzeigt, indem die Menschen, erleuchtet durch den Geist, sich als individuelle Wesen so gegenüberstehen, dass durch das Zusammenwollen, durch das Zusammensinnen und Zusammenwachsen sich eine geistige Struktur der Menschheit bilden kann. Aus dem Menschen, aus dem Individuellen muss kommen, was für die Zukunft notwendig ist. Nicht dürfen wir warten auf eine allgemeine Botschaft, der die Menschheit zu folgen hätte. Solche Botschaft wird es nicht geben. Aber die Möglichkeit wird es geben, dass in jeder einzelnen Menschenseele das aufleuchtet, was aus der geistigen Welt kommen kann. Dann aber wird durch das Zusammenleben der Menschen das entstehen, was entstehen soll und was entstehen muss.