Sonntag, 18. Januar 2026
Wo wir mit Kindern zusammen sind, darf kein düsteres Bild des Weltzustandes herrschen. Wie können wir Optimismus und Weltvertrauen vermitteln?
Albrecht Dürers Joseph in der Ruine ~ siehe letzten Schmetterling: Als Erwachsene wollen wir einerseits nicht den Kopf in den Sand stecken vor den in vieler Hinsicht bedrohlichen und schlimmen Ereignissen und Zuständen, die wir miterleben, sei es direkt im Alltag, oder sei es mehr noch in den Medien. Kriege, Armut, Entmenschlichung, Naturzerstörung sind Themen, die uns beschäftigen müssen. Sind wir aber mit Kindern zusammen, soll die Stimmung, in die wir dadurch zu kommen drohen, nicht auf sie abfärben. Es darf nicht sein, dass die Kinder sich als verlorene Generation empfinden ~ siehe unser zukunftsbezogenes Schulkonzept. Wie gelingt dieser Spagat?
Ist das Leben überhaupt lebenswert? Kindern entströmt hier sicherlich, je kleiner sie sind, ein bedingungsloses Ja. Sie grübeln noch nicht über diese Frage. Mit dem Grübeln geraten wir Erwachsenen in die Gefahr, uns selbst übers Ohr zu hauen. Um sich diesbezüglich auf die Schliche zu kommen, dazu eignet sich ein Kapitel aus Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“: „Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus)“. Ergibt sich der Wert des Lebens, also ob es sich zu leben lohnt, indem man eine kaufmännische Bilanz aufstellt: auf die eine Seite der Waage das Gute, auf die andere das Schlechte? Nein, das Leben rechnet anders, sagt Steiner: wenn ich beim Einkaufen gezwungen bin, doppelt so viel schlechte Äpfel mitzunehmen wie gute (weil der Händler Platz schaffen will), so mache ich das, wenn die guten gut genug sind. Und offensichtlich sind sie fast immer gut genug, denn wir alle leben unser Leben.
Wenn Erwachsene also meinen, sie müssten „die Welt“ beurteilen, so müssen sie das mit sich selbst ausmachen.1 Kinder sollten wir damit verschonen. Das wichtigste auch am Dürer-Bild ist schließlich, dass es außer „dieser Welt“ offenbar noch „eine andere“ gibt, aus der das Kind auf die Welt gekommen ist. Und vielleicht bringen die Kinder ein Stück dieser anderen Welt mit in unsere herein?
Genau diesen Perspektivenwechsel vollzieht Steiner mit uns, bei der Begründung der Waldorfschule. Im neunten der Einführungsvorträge für die Lehrer (GA 293 📄) lässt er die Kinder sagen: „Die Welt ist gut.“ ~ „Die Welt ist schön.“ ~ „Die Welt ist wahr.“
Das bringen die Kinder mit! Allerdings nicht alles auf einmal! Wie so oft, ist Differenzierung nötig ~ hier nämlich nach dem Lebensalter. Wir können die Kindheit und Jugend ungefähr einteilen in die drei „Jahrsiebte“: das vorschulische Alter bis etwa zum 7. Lebensjahr, dann die zweite Phase bis zur Geschlechtsreife etwa im 14. Lebensjahr, und die Jugendjahre bis zum relativen Erwachsensein (ca. 21. Jahre).
Diese Einteilung ist ein Kunstgriff Steiners, der sich vielfältig bewährt, z.B. eben in dieser einprägsamen Dreiheit von der guten, schönen und wahren Welt. Im ersten Jahrsiebt nämlich sagt sich das Kind:
Die Welt ist gut.
Nicht etwa müssen wir dies dem Kind „beibringen“ ~ sondern die „unbewusste Grundstimmung des Kindes bis zum Zahnwechsel“ liegt in der Annahme: „Die ganze Welt ist moralisch!“ ~ sagt Steiner. Denn in diesen ersten sieben Jahren lebt das Kind ganz in der Nachahmung der Umgebung. Das ist etwas, was wir Erwachsenen nur dankbar empfangen können, was das Kind aus seinem vorgeburtlichen Dasein mitbringt: „Von jener Hingabe, die man in der geistigen Welt entwickelt, ist der Mensch noch erfüllt. Daher gibt er sich auch in seine Umgebung hin, indem er die Menschen nachahmt.“2
Das Kind nimmt also, um das obige Bild aufzunehmen, vertrauensvoll die in der Umgebung liegenden Äpfel ~ und unsere Sorge muss einfach sein, dass dort weitestgehend nur gute Äpfel liegen. Der Gedanke von der Kindheit als Schutzraum ist uns heute nicht fremd; aber durch das fundierte Wissen von der Nachahmung wird er erst stark. Unsere Pflicht ist, den Kindern in ihrer unbewussten Annahme, die ganze Welt sei gut, entgegenzukommen. Wir haben ja auch etwas davon: „Das ist ja das Erhebende und Große im Anblick der Kinder, dass die Kinder eine Menschenrasse sind, die an die Moral der Welt glaubt und daher glaubt, dass man die Welt nachahmen dürfe.“
Und Steiner schließt an: „Das Kind lebt so in der Vergangenheit und ist auch vielfach ein Offenbarer der vorgeburtlichen Vergangenheit, nicht der physischen, sondern der geistig-seelischen.“3
In der zweiten großen Kindheitsphase, etwa vom 7. bis 14. Lebensjahr, lebt das Kind in der unbewussten Voraussetzung:
Die Welt ist schön.
Denn jetzt will das Kind nicht mehr in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart leben. „Wie lebt man denn in der Gegenwart? In der Gegenwart lebt man, wenn man in einer nicht animalischen, sondern menschlichen Weise die Welt um sich her genießt.“ Die „unbewusste Annahme“ lautet hier, dass man „die Welt schön finden dürfe“. Auch dem müssen wir entgegenkommen! Auch und gerade der Schulunterricht habe ein „Quell der Freude und des Genießens“ zu sein ~ jedoch nicht auf seichte, banale oder hausbackene Art eines Anschauungsunterrichtes, der den Kindern oberflächlich Spaß macht. Es gibt ja tiefere Konzepte des Schönen, und der Lehrer müsse „durch sein Leben in der Kunst“ selbst dafür sorgen, „dass die Dinge geschmackvoll sind“, mit denen er den Kindern begegnet. Das ist kein Luxus, sondern in dieser Phase die wichtigste Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung.
Erst im dritten Jahrsiebt, ab der Geschlechtsreife, „beginnt dann so recht die Anlage dafür, auch das in der Welt zu finden:
Die Welt ist wahr.“
Erst ab diesen Alter kann der Unterricht auch einen „systematisierenden oder wissenschaftlichen Charakter“ annehmen. Während der Lehrer sich in der Mittelstufe noch bemüht, für alle Unterrichtsinhalte „das plastische oder musikalische Bild herauszuarbeiten“, weil dies den Kindern entgegenkommt, geschieht mit dem Eintritt in die Oberstufe ein „Übergang von der Kenntnis zur Erkenntnis“.4 Aber die Wahrheit, die der junge Mensch nun sucht und von deren Vorhandensein er ausgeht, ist keine bloße über die äußere Welt. Es beginnt „die Hinneigung für Ideale“, „die Hinneigung für das Leben in etwas, was zur äußeren sinnlichen Welt hinzukommen soll“, nämlich: „Das Leben muss zu etwas da sein! ~ Das sitzt tief im Wesen des Menschen. Und mit diesem: Das Leben muss zu etwas da sein, das Leben muss Ziele haben ~, muss man rechnen.“ An die Stelle der „selbstverständlichen Autorität“, mit der die Erwachsenenwelt das Kind im zweiten Jahrsiebt noch umhüllt hat, tritt jetzt, da die eigene Urteilskraft erwacht, die selbstgewählte: „Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet.“ Die Wahrheit wird nicht nur außen, sondern auch in der „Gesinnung des Lehrers“ gesucht, für die der Jugendliche „in dieser Zeit sehr sensitiv wird“. Mitnichten also geht es jetzt nur noch um sachliche Vermittlung. Das „freie Verhältnis zur heranwachsenden Jugend“ wird für den Pädagogen zu einem ganzen Kapitel offener Gewissens-Fragen, dem Steiner 1921 beim Aufbau der ersten Waldorf-Oberstufe einen ganzen „Ergänzungskurs“ von 8 Vorträgen widmet (GA 302 📄); dem letzten davon sind die letzten Zitate entnommen.
Das Finden der Wahrheit läuft für die Jugendlichen also nach wie vor über die Persönlichkeit des ~ jetzt bewusst ausgewählten ~ erwachsenen Gegenübers. Was die Jugendlichen gerade nicht suchen, sind „Maulwürfe, die sich im engsten Kreise desjenigen bewegen, worin sie hereingesteckt sind, die sich so benehmen, dass sie in dem allerengsten Kreise denken und nicht hinausdenken über diesen Kreis, auch gar kein Interesse haben, sich zu bekümmern um dasjenige, was außerhalb dieses Kreises vorgeht. Wenn wir nicht die Möglichkeit finden, aus diesem Maulwurfdasein gründlich herauszuwachsen, wenn wir nur immer dieselben Urteile von einem anderen Standpunkt zustandebringen, die uns anerzogen sind (…), dann können wir nicht fruchtbar teilnehmen an demjenigen, was gemacht werden soll, um aus der Misere hinauszukommen.“5 Und genau das erwarten die Jugendlichen natürlich: Das „How dare you!“ der Greta Thunberg mag zweckvoll inszeniert oder kanalisiert gewesen sein, trifft aber die Frage der Jugendlichen an die Erwachsenenwelt und ihre Unwahrheit, die den status quo herbeigeführt hat.
Und auch hier sehen wir, dass es absolut keinen Sinn macht, die Anthroposophie aus der Waldorfpädagogik herausschneiden zu wollen: Für den naturwissenschaftlichen Unterricht empfiehlt Steiner die gängigen Bücher und Quellen. „Aber es sollen bloß Informationsbücher sein, und wir sollten niemals versäumen, dasjenige hineinzugießen in diese Informationsbücher, was wir der Anthroposophie entnehmen können. Dadurch wird erst dasjenige beleuchtet, was aus diesen Informationen, eben aus den gebräuchlichen Dingen, herauskommt. (…) Wir müssen wiederum zurückkommen zu einem solchen Wissen, das in Empfindung, Gefühl und Willen hineingeht, das unseren ganzen Menschen durchdringt, das auf seelischem und geistigem Gebiet etwas ähnliches ist wie das Blut auf leiblichem Gebiet; dann werden wir dadurch, dass wir andere Menschen werden, eben richtige Lehrer werden.“6
Wie das erste Jahrsiebt ~ unter diesem Aspekt ~ auf die Vergangenheit orientiert ist, die mittleren Kinder in der Gegenwart leben, so tritt der Jugendliche „in jenes Lebensalter ein, wo sich in seiner Seele die Zukunftsimpulse festsetzen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das Leben darinnen: das steckt auch in dem werdenden Menschen.“ So fasst Steiner am Ende jenes 9. Vortrages vor den Waldorflehrern knapp zusammen (GA 293 📄). Und wie kann unser Resümée lauten?
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Die Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen Optimismus mit auf den Weg zu geben, wird wohl nicht leichter, indem man von ihren drei „Grundannahmen“ weiß. Denn schließlich bleiben wir Erwachsenen es doch selbst, die den Lutherschen Apfelbaum (da sind die Äpfel wieder) pflanzen müssen. Ohne dass wir uns selbst einen gewissen Optimismus erarbeitet haben, werden wir kaum den Kleinen im ersten Jahrsiebt authentisch die „heiteren Mienen“ und die „redliche Liebe“ mitgeben können7, ebensowenig im zweiten Jahrsiebt das „menschliche Genießen“ der Gegenwart, und werden auch kaum Ansprechpartner für die Suche nach „wahren“ Idealen im dritten Jahrsiebt sein. „Vernünftige Belehrungen“ (GA 34) können all das nicht ersetzen, sondern sind kontraproduktiv. Selbstverständlich kann man alles ohne Anthroposophie versuchen; aber diese ist, allen Verkennungen zum Trotz, ein breitangelegtes, weitgehend unausgeschöpftes Angebot, „aus dem Maulwurfdasein gründlich herauszuwachsen“, ein monumentales, tiefergelegtes Sapere Aude („Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!“) für den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“.
1 Ob es klug für Erwachsene ist, ist eine andere Frage. Der Steiner-Schüler Karl Ballmer schreibt 1946 in seiner typischen Radikalität (unveröffentlichte Notiz): „Wenn die gegenwärtige Wirtschaft krank ist, so besteht der Heilungsprozess in nichts anderem als im Begreifen der Wirtschaft. (…) Jegliche Ethik kann nur das Ziel haben, die Wirklichkeit zu begreifen. Die Wirklichkeit ist autonom. Bessere Zeitalter ließen es sich daher ihre Sorge sein, zunächst den Namen des Autonomen zu stammeln.“ ⇑
2 GA 293 📄, S.149. Ein Beispiel für Steiners subtile und exakte Ausdrucksweise, die glücklicherweise meistens von verantwortungsbewussten Stenographinnen festgehalten wurde: Eine „Hingabe in etwas“ gibt es ja im Deutschen eigentlich nicht ~ hier aber doch! ⇑
3 Diese Betonung „nicht die physische vorgeburtliche Vergangenheit“ ist vielleicht (weil vom „Unbewussten“ die Rede ist) auch als Abgrenzung gegen das damals entstehende Konzept des „kollektiven Unbewussten“ (C.G.Jung) gemeint; auch beim ironischen Gebrauch von „Menschenrasse“ im unmittelbar vorangehenden Satz könnte dies mitspielen. ⇑